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RedeVeröffentlicht am 3. Juni 2026

SALUS – Ärzte, Staat und Vertrauen (de/fr)

Biel, 03.06.2026 — Biel, 03.06.2026 — Rede von Bundesrat Ignazio Cassis, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) anlässlich des 125-Jahr-Jubiläums der FMH am 3. Juni 2016 in Biel – Es gilt das gesprochene Wort

Signora Presidente, cara Yvonne
Care colleghe e cari colleghi,
Mesdames et Messieurs,
Sehr geehrte Damen und Herren,

1. Ein Stück Schweiz

125 Jahre FMH.

Das ist mehr als ein Jubiläum.
Das ist ein Stück Schweiz.

Und für mich persönlich ist es auch ein Stück Lebensgeschichte.

Ich stand als Kantonsarzt mit der FMH am Verhandlungstisch.
Ich durfte ihr als Vizepräsident dienen.
Und ich trage mit grossem Stolz den Titel eines Ehrenmitglieds.

Heute spreche ich zu Ihnen als Bundesrat.
Aber ein Teil von mir wird immer Arzt bleiben.

Vielleicht erklärt das auch, weshalb ich Politik bis heute eher diagnostisch als ideologisch betreibe.

Und ich gestehe:
Nach den letzten Monaten im Europa-Dossier ist es für mich fast therapeutisch, heute hier in Biel zu sein!

2. Die Schweizer Idee

Die Geschichte der FMH erzählt im Grunde eine typisch schweizerische Geschichte.

Aus kantonaler Vielfalt entstand Schritt für Schritt ein nationaler Zusammenhalt.

Die Schweiz tat dies 1848.
Die Ärzteschaft tat es 1901.

Die FMH war gewissermassen der Bundesstaat der Schweizer Medizin.

Und das Bemerkenswerte ist: Beides entstand nicht gegen die Vielfalt — sondern aus der Vielfalt heraus.

Das ist die eigentliche Schweizer Idee.

Wir vereinheitlichen nicht alles.

Aber wir schaffen dort gemeinsame Regeln, wo Komplexität Zusammenarbeit verlangt.

Gerade deshalb funktioniert unser Land bis heute.

Nicht im Gleichschritt.

Aber in gemeinsamer Richtung.

3. Ärzte und Staatsmänner

Meine Damen und Herren

Seit 1848 gab es im Bundesrat fast ausschliesslich Juristen.

Ärzte?

Praktisch keine.

Im 19. Jahrhundert:
Adolf Deucher.
Ein Thurgauer Arzt.

Dann während mehr als hundert Jahren: niemand mehr.

Und erst seit 2017 sitzt wieder ein Arzt im Bundesrat.

Vielleicht sagt das etwas über die Schweiz.
Vielleicht aber auch etwas über die Medizin.

Denn Ärztinnen und Ärzte lernen früh, mit Unsicherheit zu leben.
Unter Zeitdruck zu entscheiden.
Und Verantwortung zu tragen — auch wenn es keine perfekte Lösung gibt.

Eigentlich ist das keine schlechte Vorbereitung für die Politik.

Denn auch Politik beginnt — wie Medizin — mit einer einfachen Frage:

Was fehlt uns eigentlich?

Wer keine Anamnese macht, verwechselt Symptome mit Ursachen.

Und wer die falsche Diagnose stellt, verschreibt die falsche Therapie.

Das gilt im Spital.

Und das gilt auch für Staaten.

4. Die Kräfte der Vernunft

Karl Jaspers — einer der bedeutendsten Philosophen und Psychiater des 20. Jahrhunderts — schrieb einmal, dass Arzt und Staatsmann etwas Wesentliches gemeinsam hätten:

Beide müssten «mit unendlicher Geduld werben um die Kräfte der Vernunft».

Dieses Zitat habe ich mir übrigens aus der Rede von Bundesrat Hans Hürlimann zum 75-jährigen Jubiläum der FMH geborgt.

Manche Gedanken altern eben besser als andere.

Ich glaube jedenfalls, dass diese Worte heute aktueller sind denn je.

Denn wir leben in einer Zeit, in der vieles lauter wird — aber nicht unbedingt klarer.

Eine Zeit permanenter Reaktion.
Permanenter Empörung.
Permanenter Beschleunigung.

Gerade deshalb braucht es Institutionen, die Vertrauen schaffen.

Und genau das tun Sie.

Vielleicht merken wir es im Alltag zu wenig.
Aber ein funktionierendes Gesundheitswesen ist keine Selbstverständlichkeit.

Es ist ein zivilisatorischer Erfolg.

5. Salus

Mesdames et Messieurs,

Je voudrais conclure
avec une dernière réflexion.

La médecine et la politique utilisent parfois des langages différents.

Mais elles poursuivent au fond une ambition très semblable.

Les Romains utilisaient une formule célèbre de Cicéron :

« Salus populi suprema lex (esto). »

On la traduit souvent par : « Le bien du peuple est la loi suprême. »

Plus tard, la médecine en a tiré sa propre maxime:

« Salus aegroti suprema lex. »

Le bien du patient est la loi suprême.

Mais le mot salus signifiait davantage que la simple santé.

Il signifiait aussi la sécurité, la protection, le bien-être collectif.

Au fond, toute la différence est là.

Le médecin soigne une personne.

L’homme ou la femme d’État doit porter son regard sur la collectivité.

Mais dans les deux cas, il s’agit de protéger quelque chose de fragile :

la confiance.

La confiance du patient.
La confiance du citoyen.

Et lorsqu’une société perd confiance, aucune technologie, aucune réglementation, aucune institution ne peut véritablement la remplacer.

C’est pourquoi les médecins jouent un rôle qui  dépasse largement la médecine.

Vous soignez des personnes.

Mais vous contribuez aussi à la cohésion du pays.

6. Schluss

125 ans de FMH, ce sont donc 125 ans de responsabilité au service non seulement de la santé, mais aussi de la Suisse.

Per questo vi sono profondamente riconoscente.

Oder wie es ein Bonmot ausdrückt:

«Eine gute Regierung ist wie eine geregelte Verdauung; solange sie funktioniert, merkt man von ihr kaum etwas.»

Ich wünsche Ihnen deshalb beides:
eine stabile Verdauung und stabile Institutionen.

Am besten möglichst langfristig.

Aber selbstverständlich auch — ganz konkret — für den heutigen Stehlunch zum 125-Jahr-Jubiläum der FMH.

Grazie per l’invito e …

Cordialmain bunas saira a tuttas ed a tuts.