«Sicherheit Schweiz 2026»: Keine Entwarnung für die Schweiz
Bern, 25.06.2026 — Die Sicherheitslage der Schweiz hat sich weiter verschlechtert – eine Entwarnung ist nicht in Sicht. Die internationale Ordnung ist im Umbruch, rund um Europa häufen sich Krisen und Konflikte. Grösste und akuteste Bedrohung für Europa bleibt Russland; seine hybride Konfliktführung wird aggressiver und trifft die Schweiz direkt. Betroffen ist die Schweiz auf breiter Front – bei Spionage und Proliferation, im Cyberraum, bei kritischen Infrastrukturen, aber auch durch gewalttätigen Extremismus und die erhöhte Terrorbedrohung.
Ein Umfeld, das weniger Schutz bietet
Die globale Ordnung bleibt im Umbruch. Die USA, Russland und China streben eine andere Weltordnung an. Sie schwächen so die regelbasierte Ordnung, für die Europa einsteht. Russland führt seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine im fünften Jahr; ein stabiler Waffenstillstand ist nicht in Sicht. Die USA bleiben ein Unsicherheitsfaktor. China setzt die wirtschaftliche Abhängigkeit der westlichen Wirtschaft zunehmend als Druckmittel ein. Der Irankrieg hat den Nahen und Mittleren Osten weiter destabilisiert; er hat direkte Konsequenzen für die Terrorbedrohung in Europa und der Schweiz. Neu rückt zudem die Bedrohung aus der Distanz näher: Irans Lenkwaffen könnten in wenigen Jahren grössere Teile Europas erreichen.
«Das schützende Umfeld der Schweiz erodiert – von Osten, Westen und Süden», fasst NDB-Direktor Serge Bavaud die Lage zusammen.
Hybride Konfliktführung: Die Schweiz im Visier
Für die Schweiz steht die Bedrohung durch Russland im Vordergrund. Russland will die westlichen Demokratien und die transatlantische Einheit schwächen – und setzt dafür vor allem auf die hybride Konfliktführung. Das sind Aktivitäten in der Grauzone unterhalb der Schwelle zu einem bewaffneten Angriff, deren Urheber sich oft nicht eindeutig zuordnen lassen oder es abstreiten können.
Die Spionagebedrohung geht vor allem von Russland und China aus. Insbesondere Russland unterhält in der Schweiz getarnte Stützpunkte, oft in diplomatischen und konsularischen Vertretungen. Dort arbeiten Dutzende mutmassliche Nachrichtendienstoffiziere, meist als diplomatisches Personal getarnt. Ein Teil dieser Tätigkeit richtet sich nicht direkt gegen die Schweiz: Russland nutzt unser Land auch als Plattform, um Informationen über andere Staaten und internationale Organisationen zu beschaffen.
Russland setzt zudem auf Beeinflussung und Desinformation. Wer das Vertrauen in die Institutionen schwächt, schwächt die Widerstandsfähigkeit eines Landes. Auch die Schweiz ist betroffen: Der deutschsprachige Ableger des russischen Staatsmediums RT verbreitete 2025 rund ein Viertel mehr Meldungen über die Schweiz als im Jahr zuvor. Das zugrunde liegende Narrativ: Die Schweiz sei im Niedergang.
Auch Sabotageangriffe auf kritische Infrastrukturen sind Mittel der hybriden Konfliktführung Russlands. In der Schweiz gab es solche bisher nicht. Betroffen ist die Schweiz dennoch: Russland nutzt unser Land mutmasslich zur Vorbereitung von Sabotageaktionen im europäischen Ausland. Es missbraucht IT-Infrastruktur in der Schweiz für Cybersabotage im Ausland. Zudem: Europas Infrastrukturen sind eng verflochten; ein Angriff auf einen zentralen Knotenpunkt eines Netzwerks trifft mehrere Länder zugleich. So könnte auch Schweizer Infrastruktur zum Ziel werden – nicht um die Schweiz zu treffen, sondern Staaten, die von ihr abhängen.
Cyberraum
Im Cyberraum ist die Schweiz Ziel und Plattform. Staatliche Akteure aus Russland, China, Iran und Nordkorea greifen Behörden, Forschung und Spitzentechnologie an. Oder sie mieten – oft über Drittanbieter – Schweizer Server an, um militärische und politische Ziele in Drittstaaten aufzuklären.
Proliferation
Die Schweiz bleibt ein Ziel für Proliferation und Sanktionsumgehung. Besonders stark betroffen ist die Schweiz von Proliferationsbemühungen Russlands. Russland beschafft über Drittstaaten verdeckt Güter und Technologien für seine Rüstungsproduktion. So gelangen auch in der Schweiz erworbene Werkzeugmaschinen nach Russland. Der NDB leistet hier in enger Zusammenarbeit mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung. Darüber hinaus sensibilisieren der NDB und das SECO Schweizer Firmen für Risiken durch Spionage, Sanktionsumgehungen und Proliferation.
Terrorbedrohung erhöht – Online-Radikalisierung im Fokus
Die Terrorbedrohung bleibt erhöht. Sie wird von dschihadistisch inspirierten Einzelpersonen geprägt, die mit einfachsten Mitteln handeln. Der Messerangriff in Winterthur vom 28. Mai 2026, verübt von einer dschihadistisch radikalisierten Person, bestätigt diese Einschätzung. Zwischen Mitte Mai 2025 und Mitte Mai 2026 registrierte der NDB europaweit zwölf Anschläge im Bereich des dschihadistischen Terrorismus. Zentraler Treiber ist die Online-Radikalisierung, vor allem von Jugendlichen. Künstliche Intelligenz kann diese Entwicklung zusätzlich verstärken: Dschihadisten setzen sie bereits selbst ein, etwa für ihre Propaganda, und Empfehlungsalgorithmen sozialer Medien können Radikalisierungsprozesse begünstigen.
Der Irankrieg erhöht zusätzlich die Wahrscheinlichkeit von Gewalttaten gegen amerikanische, jüdische und israelische Ziele in Europa und in der Schweiz. Ob das am 17. Juni 2026 geschlossene Abkommen zwischen den USA und Iran die Lage entspannt, hängt davon ab, ob es eingehalten wird und die weiteren Verhandlungen günstig verlaufen. Die Lage bleibt vorerst volatil.
Gewalttätiger Extremismus
Auch der gewalttätige Extremismus bedroht die Schweiz. Das Gewaltpotenzial der gewalttätigen linksextremistischen Szene bleibt hoch; befeuert auch durch den Nahostkonflikt. Auch von der gewalttätigen rechtsextremistischen Szene geht weiterhin eine Bedrohung aus.
